Marken-Wahn im Yoga: Sind wir nicht alle ein bisschen Label?

Mal ehrlich: wer von uns ist frei vom Label-Wahn? Na kommt, welches Label ist Euer Liebling, welche Marke Eure favorisierte? Ob Yogi oder nicht – es gibt ja für alle Zielgruppen Marken. Yogis und Yoginis fühlen sich von Trainings-Outfits, die clever, funktionell und außerdem noch trendy sind, ebenso angezogen wie Leute, die ihre Interessen ganz woanders haben.

Was ist es also, das uns zu einer Marke greifen lässt?

Ist es die Überzeugung, ein Produkt sei von besserer Qualität, wenn es Marke XY ist? Stellt eine Marke unter einem Label, das auf allen Kleidungsstücken auftaucht, Zufriedenheit her, weil die Sachen schlichtweg immer gut sitzen – und wir uns deshalb auch immer wieder dafür entscheiden? Oder kaufen wir eine bestimmte Marke unbewusst auch ein bisschen deshalb, weil so viele andere das auch tun.

Über Billiglohnländer, Umweltverschmutzung oder Gifte in Textilien zu sprechen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Von smarten Werbestrategien und derer Erfolge soll hier auch nicht die Rede sein. An der Tatsache jedoch, dass Werbung damals wie heute verführt, ist nicht zu rütteln. Ob via print, web oder TV, Werbung scheint den Konsumenten einfach zu prägen und ein wiederkehrendes Label wird irgendwann zum Kult. Es kann so wichtig werden, dass es im wahrsten Sinne des Wortes manchmal sogar nach außen getragen wird – ganz unbeabsichtigt, versteht sich. Das Markenzeichen eines weltbekannten Fitnessbekleidungs-Herstellers, der anfänglich Füße in Sneakers, danach auch alle anderen Körperteile sportlich verpackte, ist in der Marke irgendwie gar nicht wegzudenken.

Eine unlängst erlebte Szene bringt das Thema „Etikette“ irgendwie auf den Punkt.

In meinem Fitness-Studio gönne ich mir drei Mal pro Woche eine Aerobic-Stunde. Nicht nur als Yoga- und Pilates-Lehrerin, sondern auch seit gefühlt 50 Jahren Fitness-Trainerin ist es ein herrliches Gefühl, mal nicht vorne zu stehen und die Kurse zu halten, sondern eben einfach hinten, so als Teilnehmer.

So hatte ich auch die Gelegenheit zu beobachten, wie die entzückende kleine Tochter einer Kursteilnehmerin – zur Aerobic-Stunde mitgebracht – die Session am Rande verfolgte. Sie hockte oder saß abwechselnd, machte ein bisschen mit, lag ausgestreckt am Boden, gähnte gelangweilt, beäugte mit dem Kennerblick einer „Grossen“ die Frauen. Ihre Mutter, eine ebenso lebenslustige wie attraktive Mittzwanzigerin, hat eine kleine Kopie ihrer Selbst dabei – und beide strahlen um die Wette und sind einfach nur wunderschön anzusehen. Sonst kommt Mama allein und versprüht ihren Charme mit eitlen Seitenblicken in den Spiegel und auf den Rest der Gruppe. Ja, sie ist hübsch – und sie trägt tolle Fitness-Outfits; sogar die Sporttaschen zieren das große Logo. Ich bin zu lange im Geschäft und alt genug, um ob ihrer Eitelkeit irgendwelche Emotionen zu haben. Bin schon so lang Trainerin und hab‘ viel gesehen  – und ich bin milde geworden. Ausserdem könnte die junge Mutter meine Tochter sein.

Dennoch muss ich ehrlicherweise gestehen, dass es mich ein wenig belustigt hat, als ich während der Bodenübungen auf der Matte im Liegen bestens beobachten konnte, wie das bezaubernde Mädchen mit glücklichem Lächeln und leicht geröteten Wangen mit einer Schere das stattliche Etikett aus dem Langarmshirt seiner Mutter schnitt, das diese am Rand der Trainingsfläche hatte liegenlassen, das Emblem nach außen gedreht – rein zufällig, versteht sich. Die Mutter selig auf der Matte, noch nichts ahnend – zu sehr beschäftigt mit der Kehrseite, Richten der Frisur und dem Zurechtziehen des Shirts mit Logo-Print.

Es lebe die Marke. Und das Vergnügen, Teilnehmer eines Aerobic-Kurses sein zu dürfen.