„Gesund Bleiben“ Der Präventions­kongress in Bonn

Prävention und Gesundheits­förderung sind Schlüsselthemen unserer Zeit und gewinnen immer mehr an Bedeutung. Warum? Die Gesundheitskosten für „Heilung” oder „Wiederherstellung” und die damit verbundenen Ausgaben für Medikamente steigen ins Unermessliche. Und auch wenn wir immer älter werden, bleiben wir nicht unbedingt länger gesund. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland beim Thema Prävention noch enorm aufzuholen hat. Dies muss und soll sich ändern! Wie das gelingen kann, sollte während der Veranstaltung zutage gefördert werden – in Vorträgen, lebhaften Diskussionen und Workshops auf dem Fachkongress, aber auch durch die Aussteller und prominenten Redner auf der Publikumsmesse.

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Fachkongress Prävention

Publikums-Messe

Wie lassen sich Menschen mit Prävention erreichen?

Der Präventionskongress 2019 in Bonn war ein guter Anlass zu schauen, wie der Status Quo ist: Wo funktioniert Prävention schon gut, welche Akteure sind beteiligt und wie können sie sich noch besser vernetzen. Sinnvoll und wichtig ist es daher, auf Best Practice Beispiele zu schauen: Wie gelingt es Kommunen, Kitas, Schulen und Unternehmen, sich zum Beispiel mit Sportvereinen zu vernetzen. Wie lässt sich das auf andere Kommunen übertragen?

In den vergangenen Jahren lag der Fokus der Prävention sehr stark auf der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF), also den Menschen in ihrer Arbeitswelt. Aber wie lässt sich jeder Einzelne in seinen unmittelbaren Lebenswelten erreichen: in der Familie, im Rahmen der Freizeit oder eben in seinem Stadtteil, also auf kommunaler Ebene?

Dies auch in der Praxis zu zeigen, hatte sich die Publikumsmesse auf die Fahnen geschrieben: Parallel zum hochkarätig besetzten Fachkongress des Bonner Präventionskongresses im Telekom Dome konnten die Besucher der Publikumsmesse etwa 40 Aussteller und namhafte Referenten gewinnen, die das Thema Prävention für Jedermann erlebbar machten in einem Programm auf und rund um die Publikumsbühne.

„Prävention ist so vielfältig.”, zitierte

Professor Froböse als Einstieg in seinen Vortrag auf der Fachtagung.

Bewegung pro Woche werden von der WHO empfohlenaller Menschen setzen die WHO-Empfehlung um

Die WHO empfiehlt pro Woche 150 Minuten Bewegung. Rund 85 Prozent aller Menschen erreichen dieses Ziel nicht.

Bluthochdruck tritt immer häufiger auf. Der krankhafte Anstieg des Arteriendrucks birgt ein hohes Risiko für Folge­er­kran­kungen, wie Herz- und Nierenschwäche oder Gefäßkrankheiten. Bluthoch­druck kann u.a. durch Bewegungsmangel und Übergewicht, aber auch durch eine falsche bzw. salzreiche Ernährung entstehen.

„Die Kampagnen erreichen Menschen einfach nicht genug.”

„Der Zeiger steht auf fünf vor zwölf.”

„Prävention muss endlich ernst genommen werden!”

Auch die altbekannte Rückenschule sei nicht immer die richtige Strategie. Möglicherweise ist die Betrachtung zu einseitig auf die Wirbelsäule gerichtet, obwohl der gesamte Körper bewegt werden sollte.

Sex sells – Prävention ist unsexy

„Prävention ist wichtiger denn je.”, fasste Bundesgesundheitsminister

Jens Spahn auf der Fachtagung seinen Vortrag zusammen.

Doch sie ist auch “unsexy” und löst immer wieder Abwehrbilder in den Menschen aus. Das Ziel aller sollte daher sein: Prävention muss attraktiver werden. Sie soll Spaß machen, entlasten und das Leben leichter machen.

Krankenkassen geben an einem Tag für die Behandlung von Krankheiten mehr Geld aus, als für die Prävention im gesamten Jahr!

Die Basis, um diese agilen Ziele erreichen zu können, so Spahn, soll das aus dem Jahr 2015 stammende Präventionsgesetz bilden.

Deutschland ist Weltmeister im Heilen und Reparieren, nicht aber beim Präventieren. Und das muss sich ändern. Mehr konkrete Angebote sind notwendig. Ein Belohnungssystem sollte prägnanter sein als die Bestrafung.

Bewegung im Alltag, Ernährung und die Stressbewältigung bilden weiterhin die zentralen Stellen der Prävention. Wie schaffen wir das? Die Antwort, und nicht nur von Spahn, sondern aus zahlreichen Reihen, lautet: Handeln –  mit Prävention in den Lebenswelten. Kommunen müssen künftig stärker als Multiplikatoren einbezogen werden. Ebenso spielen Wissenschaft und die Digitalisierung des Gesundheitswesens durch Telemedizin, eine weit größere Rolle, als man sich aktuell vorstellen mag.

Kommunen als Teil der Prävention in den Lebenswelten

Der Fokus der Fachtagung zum Bonner Präventionskongress lag definitiv auf den Lebenswelten. So wurde im Kern in den Diskussionen und Vorträgen immer wieder auf die einzelnen Lebenswelten eingegangen: Betriebe, Kitas, Schulen, Hochschulen, Familien, Freizeit und viele mehr. Es sei wichtig, die Menschen früher zu erreichen, wo Prävention noch sinnvoll sei, statt später alles zu tun, um die verlorene Gesundheit wieder herzustellen.

Klar ist, es besteht bei dem breiten Gebiet der Prävention eine gesamtgesellschaftliche Ver­ant­wortung. So gibt es seit 2019 ein Förderprogramm für Kommunen. Ein jeweiliger Koordinator soll künftig die Bedarfe erkennen und Maßnahmen steuern. Ein erster Ansatz?

Fakt ist: „Es gibt zu viele unterschiedliche Programme”, so eine Anmerkung von Prof. Dr. Mathias Bellinghausen, der die Hochschule für angewandtes Management vertritt. Es fehle eindeutig an der Vernetzung innerhalb einer Kommune und das müsse sich künftig ändern. Auch Apotheken, die eine tragende Rolle in Sachen Prävention spielen, sollten und sollen stärker eingebunden werden.

„Es muss Spaß machen.”„Es muss erreichbar sein.”

„Es muss auch auffindbar sein!”

Doch auch die Verhältnisprävention – also der Einfluss von Prävention auf die Lebensverhältnisse – muss deutlich mehr in die Interessensmitte genommen werden. Wie soll Prävention funktionieren, wenn es zu einem K(r)ampf wird, sein Verhalten durch zu wenige Alternativen nachhaltig zu ändern.

Flexibel bleiben und ohne Beschwerden altern

Beschwerdefrei älter werden

Dies wurde auf der Publikumsmesse aufgegriffen und die Zuschauer im öffentlichen Bereich direkt angesprochen, aktiv zu werden und sich zu beteiligen. „Beschwerdefrei älter werden” – wer will das nicht? Barbara Klein zeigte kleine und einfach auszuführende Übungen für Jedermann. Das Pub­li­kum ließ sich mitreißen und setzte die kleinen Trainingseinheiten direkt um.

Barbara Klein ist Sportphysio­the­ra­peutin und Ernäh­rungsexpertin. Sie hat den FLEXI-BAR® erfunden und ist Geschäftsführerin der FLEXI-SPORTS GmbH, die sich als Partner im Aktionsbündnis Prävention beteiligt.

Stress vermeiden – Erholung durch Regeneration

Der bekannte Sportwissenschaftler und Gesundheitsexperte Professor Ingo Froböse, befasst sich berufsbedingt mit den Themen Prävention und Rehabilitation. Als Leiter des Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung an der Deutschen Sporthochschule in Köln, erklärte der Experte dem Publikum, was wir alle von Spitzensportlern lernen können: Im Leistungssport gilt üblicherweise das Motto höher, schneller, weiter – was für die meisten von uns überhaupt kein Ziel ist. Aber zum sportlichen Erfolg gehören neben den Trainingseinheiten die wichtigen Regenerationsprozesse ebenso dazu.

Pausen, so zeigt sich, sind für uns alle von Bedeutung. Schon in einer Redewendung heißt es in etwa „Nach getaner Arbeit ist gut ruhen”. Wie wichtig Regeneration ist und wie lange sie tatsächlich dauert, erläuterte Professor Froböse dem interessierten Publikum. Er betonte, dass auch diese Phase ein wesentlicher Teil der Prävention ist: Runterkommen, Abschalten und Erholen im Alltag – also Stress vermeiden und reduzieren, damit der Körper nicht ständig auf Hochspannung läuft. So bleiben wir gesund!

Ein Grundsatz der Prävention lautet: Sie soll möglichst niederschwellig sein und auf diese Weise viele Menschen erreichen – auch diejenigen, die normalerweise keinen oder nur einen geringen Bezug zu Gesundheit durch Bewegung, Sport oder gesunde Ernährung haben. Das gilt für Klein wie Groß. Wenn es um das Thema Aktivsein im Alltag geht, lässt sich jedoch viel schon mit wenig erreichen, wichtig ist vor allem loszulegen!

Mit mehr Gelassenheit durchs Leben gehen oder Shit happens (anyway)

Wie einfach und schnell das umzusetzen ist, machte Dr. Martin Morgenstern in seinem lebhaften Vortrag deutlich. Der Evolutions­psy­chologe und Verhaltensforscher hob hervor, dass vieles, was bei uns im Unterbewusstsein abläuft, noch aus Zeiten stammt, als immer und überall Gefahr lauerte, gefressen zu werden oder sich das Abendessen erst erjagt werden musste. All das hat früher Stress ausgelöst.

Die gleichen Mechanismen wirken heute noch, wenn wir uns unter Druck fühlen. Techniken, um dem entgegenzutreten, können uns dabei helfen, damit besser umzugehen. Denn mal ehrlich, ruhig und gelassen zu sein, wer wünscht sich das nicht? Tief Ein- und Ausatmen, langsam bis 4 zählen – und schon fahren wir runter. Wer das ein bisschen trainiert, dem gelingt es bald viel besser, mit Stresssituationen locker umzugehen und einen kühlen Kopf zu bewahren.

Diese Stichworte sind Trends, die Gelassenheit und Stressbewältigung aufgreifen und damit Prävention unter die Leute bringen: Kurse in Yoga oder Mediation werden immer beliebter und helfen, dem Druck in unserer Zeit entgegenzuwirken. Der Spaß soll dabei nicht zu kurz kommen.

Lach mal wieder – mit Dr. Eckart von Hirschhausen

Die Hauptattraktion am Nachmittag brachte gute Laune in den Publikumsbereich. Lachen ist ja bekanntlich gesund. Wer wäre dafür also besser geeignet, wenn nicht ein Arzt, wie Dr. Eckart von Hirschhausen, der wohldosiert Humor und Spaß unter die Menschen bringt und beides in deutlich mehr als nur homöopathischen Dosen verteilt.

Auf der Zuschauerbühne widmete er sich ganz seinem Steckenpferd – der Komik und animierte das Publikum zu einem amüsantem Rollenspiel. Bei manch einem der Zuschauer löste dies Tränen aus. Allerdings handelte es sich dabei um Freudentränen, die somit voll und ganz den zu erwartenden Nebenwirkungen entsprachen.Schon auf der Fachtagung war Hirschhausen mit einem spannenden Vortrag vertreten – einem Vortrag, der Augen und Ohren öffnete. Humor als altes Hausmittel für die Gesundheit – so genauso entließ Eckart von Hirschhausen die Besucher in den Abend. Doch auch in einer regen Diskussion mit Gesundheitsminister Jens Spahn verschaffte sich Hirschhausen Gehör. Hartnäckig brachte er das viel umstrittene Thema “Klima” mit in den Präventionskongress ein. Wer damit gerechnet hätte? Wohl die wenigsten.

Präventionskongress: Reichhaltiges Programm für Jedermann

Fazit: Die wirklich tolle Veranstaltung zum Thema Prävention verzeichnete etwa 450 Teilnehmer auf dem Fachkongress. Die Publikumsmesse war leider lange nicht so gut besucht. Trotz der recht großen Anzahl an Ausstellern und spannenden Programm­punkten auf der Publikumsbühne, verliefen sich die nur wenigen Besucher in den Weiten der Sport-Arena. Die Heimat der Bonner Basketballer war mit dem sportiven Bezug sicher der passende Ort für eine Veranstaltung zum Thema Prävention und Lebenswelten – vielleicht hätte eine aktive Einbindung des ortsansässigen Basketball-Teams oder anderer bekannter Sportler und Sportmannschaften (aus der Region) noch mehr Besucher anlocken können.

Aus unserer Sicht wäre es für diese wichtige und wertvolle Veranstaltung im kommenden Jahr wünschenswert, das Marketing für den Zuschauerbereich zu intensivieren. Dazu sollten schon im Vorfeld der Tagung die sozialen Medien viel stärker eingebunden werden. Aktuelle Neuigkeiten, Kurzinterviews und Ergebnisse aus den Referaten und Workshops könnten über twitter, instagram, facebook und Co. unmittelbar in die Welt hinaus getragen werden.

Auch die Einbeziehung von Betreuungseinrichtungen für Kinder, gepaart mit Einladungen an Kindergärten und Schulklassen aus der Region, sollte ausgebaut werden. Mit dem Fokus auf Vorbeugung und Gesundheitsförderung passt die Veranstaltung bspw. auch zum Biologie- oder Sportunterricht. Denn allen Beteiligten ist klar, dass Prävention eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die früh beginnen muss – bei den Kindern.

Das führte auch zu mehreren Statements aus den Reihen des Publikums der Fachtagung. “Verhältnis- statt Verhaltens­prä­ven­tion” – darauf sollte beim Thema Prävention deutlich mehr Fokus gelegt werden. Die Fachtagung war gespickt mit zahlreichen Experten rund um Gesundheit und Prävention. Es war eine spannende und wertvolle Mischung aus Humor, fachlichem Know-How sowie relevanten Nischenthemen, wie etwa der Digitalisierung.

Das Highlight der Fachtagung dürfte neben den lebhaften Podiumsdiskussionen aber der Besuch des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn gewesen sein. Der im normalen Maße gefüllte Saal, stieß an seine räumlichen Grenzen beim Auftritt Spahns. Touché – denn neben seinem mitreißenden Vortrag, ließ sich der Minister im Anschluss auf anregende Gespräche ein. Dass es dabei auch mal etwas lauter wurde, zeugte von einer “echten” und nicht inszenierten Veranstaltung. Klar ist abschließend zu sagen, dass niemand durch den Besuch beim Bonner Kongress das Ziel hegte, die Probleme und Herausforderungen beim Thema Prävention, auf Schlag lösen zu können. Mit zahlreichen Ideen und Denkanstößen wurden die Teilnehmer aber allemal in das Jahr bis zum nächsten Kongress entlassen.