Shanti, Shanti: Der weite Weg zum Frieden mit dem eigenen Körper

Mein Körper und ich, wir sind noch nicht lange Freunde. Was etwas bitter ist, denn immerhin bin ich nun schon Mitte 40 und habe damit den großen Teil meiner knackigen 20er mit Selbstzweifeln und Diäten verbracht. Der Friede kam also erst spät und synchron zur Yogaliebe, soviel sei verraten. Irgendwie scheint dieses ganze Diäten und Wiegen sowieso eine solch verbreitete, schlechte Angewohnheit zu sein, dass man sich gar nicht wundert, wenn man selber ständig mittendrin statt nur dabei ist.

Wie alles begann

Angefangen hat der Wahnsinn bei mir im zarten Alter von 16 Jahren. Ich hatte die wunderbare Chance ganze sechs Monate in den USA zu wohnen, was gleichzeitig sechs Monate weichster Knautschtoast, jede Menge neu zu entdeckende Schokoriegel, Cola-Sorten und Burger bedeutete. Man könnte auch sagen: Ich habe meinen Aufenthalt halt auch kulinarisch sehr ernst genommen. Als Quittung lagerten sich 10 weiche Kilos auf meinem bis dahin zarten Teenagerkörper ab, was mich selbst erstmal nur bedingt gestört hat. Eigentlich verwunderlich (und ich bin ein bisschen stolz darauf), denn immerhin verändern 10 Kilo, bei nicht ganz 1, 70 m Körpergröße, den Körper schon deutlich. Was mir bei meiner Rückkehr auch von der ganzen Jahrgangsstufe attestiert wurde – das war verstörend.

Essen oder nicht essen – das ist hier die Frage

Ich begann mich anders zu sehen. Ich sah Speckrollen und weiche Stellen und schaute neidisch auf die knöchernen Schultern der Schulschönheiten. Ich aß weniger, ich aß Ananas, ich trank nur noch Diät-Cola und ärgerte mich über jeden Nutella-Toast-Rückfall. Über Jahre habe ich mich jeden Morgen gewogen. Die Waage hat meine Laune bestimmt, meine Diätpläne diktiert und dafür gesorgt, dass ich mich die Hälfte der Zeit nicht gut genug gefühlt habe. Ich war joggen und habe Aerobic gemacht und meine Figur veränderte sich je nach Phase. Ich hatte schlanke, muskulöse Phasen, in denen ich mich wohl fühlte und meinte nur noch an der ein oder anderen Stelle vielleicht 1- 2 Kilos…? Daneben gab es die pausbäckigen Phasen, in denen ich mich furchtbar fühlte und meinen Anblick in Badebuxen nur schwer ertragen konnte. Heute wundere ich mich übrigens. Auf den alten Photos sehe ich mal runder und mal dünner aus, aber im Nachhinein betrachtet, ist es eigentlich ganz ok. Versteh einer diese Zweifel, die man hat!

Extrakapitel Schwangerschaften

Mit meinen Schwangerschaften kamen übrigens ordentlich Kilos, denn ich hörte sofort (SOFORT) mit irgendwelchen Diäten und Jogging-Programmen auf und nahm im Schnitt jedes Mal ca. 25 Kilo zu. Hier sei anzumerken: Es ist ein Gerücht, dass alle Kilos ruckzuck mit dem Stillen weggehen. Der Körper braucht einfach seine Zeit. Die Schwangerschaften jedenfalls waren runde Zeiten, in denen ich mich (außer bei der Ärztin) dem Waagenterror entzogen habe. Puh, tat das gut.

Die Wende

Je älter ich wurde, desto sanfter wurde ich. Die Kinder taten ihr übrigens, nirgendwo kann man besser Geduld, Liebe, Respekt lernen. Und ich begann mich selbst sanfter zu sehen. Je nach Phase wog ich mehr oder weniger und mein Selbstbewusstsein hing nicht mehr so stark von der Anzahl der Kilos oder meiner Konfektionsgröße ab. Und dann kam Yoga.

Yoga verbindet. Den Körper mit dem Geist, die Atmung mit der Bewegung, Stärke und Schwäche. Yoga lädt ein zur Stille und zur Einkehr, ich war schnell infiziert und genoss den neuen Kosmos. Am besten war: Ich fing an mich anders zu spüren. Ich spürte Körperstellen und Muskeln, spürte ob ich steif oder fit war, energiegeladen oder schwach. Der magische Satz kam in einem der Workshops, die ich anfangs besuchte, die Lehrerin sagte etwas vom „Tempel, den euer Körper für eure Seele ist“ und ich begann mich anders zu sehen. Es gibt soviel, was gut war und ist. Ich bin gesund, ich kann mich bewegen und hüpfen, ich kann Yoga praktizieren. Was für ein Geschenk, dachte ich und begann Dankbarkeit zu etablieren: Für das Essen, was auf dem Tisch steht, für meinen Körper, der soviel kann, für all die Dinge in meinem Leben, die ich so oft selbstverständlich fand: Familie, Liebe, Glück.

Pflanzen essen

Statt Diäten zu machen oder meinen Körper kritisch zu beäugen, begann ich zu fühlen was mir gut tat. Ich merkte, dass ich von Kaffee hektischer wurde und dass mein Essen generell sehr viel mit meinem Wohlbefinden zu tun hatte. Ich begann darüber zu lesen. Das Buch „Anständig Essen: Ein Selbstversuchir?t=hapminmag 21&l=am2&o=3&a=344247647X“ sorgte für die Abkehr vom tierischen Essen hin zum Grünfutter. Ich weiß, für manche die extremste aller Diäten, aber für mich ist es etwas anderes. Keine Diät, eher eine Einsicht. Mit der Umstellung ging es mir plötzlich noch besser. Ekzeme verschwanden fast ganz, ich war voller Energie und Kraft. Irre. Ich kann bis heute nicht glauben, welchen Unterschied das gemacht hat.

Heute

Es ist Frieden eingekehrt. Ich mag meinen starken Körper, der sich biegen und dehnen kann. Ich wiege so gut wie nie und versuche zu essen, was mir gut tut. Ich bin schlanker als früher, meine Verbrennung ist spitze, ich esse Unmengen Grünzeug. All das hat sich mit den Jahren eingeschlichen, nach und nach. Eine schleichende Veränderung ohne das feste Ziel wie früher. So viel Freiheit kommt, wenn man sie zulässt. Ich denke beispielsweise lange nicht mehr so viel nach, wie andere was finden oder wie ich aussehe. Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber ich habe eine andere Verbindung bekommen: Zur Nahrung, zum Essen, vor allem zu mir.