Warum ich kein Yoga mehr unterrichte

Als ich noch Vollzeit-Yogischüler war und jede Woche viele, viele Male ins Yogastudio getingelt bin, habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als Yogalehrerin zu sein. Mir ausgemalt, wie ich mit einem seligen Lächeln morgens um 5 aus dem Bett hüpfe um mit einem green Smoothie in der Hand auf mein Rad zu steigen und dem Sonnenaufgang entgegenzustrampeln – und zwar zu meiner Early Bird Klasse voller wundervoller Yogis, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als unter meiner Anleitung mit ein paar anstrengenden Asanas in den Tag zu starten.

Stell die Uhr jetzt ein Jahr vor und obige Situation ist eingetreten – nur leider im totalen Gegenteil. Ich fluche, wenn der Wecker am Montag morgen um 6 Uhr geht und ich aufstehen muss. Da ist nichts mit Meditation oder „Morning Practice“ – nur der eine Gedanke: FUCK. Fuck, Fuck, Fuck. Warum hab ich nur zu dieser Klasse ja gesagt?

Ich vermisse es, Schüler zu sein

Warum? Zero Verantwortung. Einfach hingehen, OM singen, bewegen, genießen, nach Hause gehen, freuen. Bringt eine Riesenportion Einfachheit mit sich. Im Gegensatz zu heute, wo ich mehrmals die Woche vor Stress fast kollabiere, weil ich die Yogaklasse für den nächsten Tag

  • A) noch zusammenstellen muss
  • B) noch selber üben muss und
  • C) mich am Ende in der Klasse selbst überhaupt nicht mehr an mein Konzept erinnere und dann doch alles anders kommt, und zwar mit einer unglaublichen Verlässlichkeit.

Hört sich sexy an? Nach #yogaeverydamnday? Nein. Also ja, Yoga jeden Tag natürlich schon. Aber halt nicht mehr freiwillig, sondern mit, naja, etwas mehr Druck als vorher. Und wenn du gerade ernsthaft am Überlegen bist, ob du eine Ausbildung machen solltest, lass es dir gesagt sein: Yogalehrer sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Überleg es dir genau, denn sobald du dein Teachertraining absolviert hast gibt es kein Zurück mehr. Nie wieder nur Schüler.

Versteh mich hier nicht falsch: Ich liebe es, zu unterrichten

Es macht einfach Riesenspaß! Zu merken, dass das was man da vorne mit Inbrunst und Überzeugung schwafelt, tatsächlich bei den Schülern ankommt. Die Gedanken, die man sich zum Leben macht, weitergeben zu können. Körperspannung und Entspannung zu schaffen. Jemanden in einen Handstand zu bringen, der danach vor Euphorie seinen eigenen Namen nicht mehr weiß. Mit ultraschlechter Laune, voller Selbstzweifel und der Überzeugung, ein mieser Yogalehrer zu sein in eine Klasse zu gehen und den Schalter in dem Moment umzulegen, wenn das Eröffnungs-OM gesungen wird. Zu merken, dass Ego-Gedanken nur Quatsch sind und sich wieder mit seinem Gefühl zu verbinden, mit dem innersten Guide, mit der Stimme, die mich damals zum Yoga gebracht hat. Mich aus meiner Komfortzone zu bewegen. Laut vor mehr als drei Menschen zu sprechen denn, oh ja, das war vor einem Jahr noch Punkt 1 auf meiner Liste von Situationen, in die ich niemals geraten wollte.

Du siehst: Es hat eine Menge bewegt.

Eigentlich alles davon positiv – von wegen Komfortzone verlassen und so. Und trotzdem höre ich nicht auf mich selbst zu fragen: Bringe ich genug mit, um zu lehren? Anderen Dinge beizubringen? Ist es nicht total vermessen von mir, zu denken, ich könnte Yogalehrerin sein? Und beantworte mir diese Frage auch jeden Tag anders. Mal mit Ja, mal mit Nein. Ganz nach Tagesform eben.

Letztens hätte ich fast schon wieder den gleichen Fehler gemacht. Ich praktiziere schon lange mit Leidenschaft Kundalini Yoga. Und zwar so gerne, dass ich das letzte  Jahr über jeden Tag darüber nachgedacht habe, eine Ausbildung zu machen. Mir alles mögliche angesehen. Mit Leuten darüber gesprochen. Mir Infos eingeholt. Und dann, erst kürzlich, beschlossen: Nein. Ich möchte Kundalini Schülerin sein. Und zwar für noch eine lange, lange Zeit. Jeden Tag meine Kriyas zu Hause üben. Mir neue Kriyas von befreundeten Kundalini Lehrern geben lassen. Mich entspannen in der Null-Verantwortungs-Zone, die du als Schüler hast. Die einzige Verantwortung ist, weiterzumachen. Zu üben. Zu genießen, ohne Druck.

Also.

Wenn ich nächste Woche alles hinschmeiße, nimm es mir nicht übel. Dann hat das Ego wahrscheinlich etwas zu laut gebrüllt. Und wenn ich noch 50 Jahre Yoga unterrichte, dann freu dich einfach mit mir. Das heißt dann wahrscheinlich, dass ich mein Ego nicht für voll genommen habe.